Zivilgesellschaftlicher Dialog in Odessa

Zivilgesellschaftlicher Dialog in Odessa

Wie stärken Film und Filmfestivals den zivilgesellschaftlichen Dialog?

Podiumsdiskussion auf dem 7. Odessa International Film Festival

Im Rahmen des 7. Odessa International Film Festival (14.-22.7.) wurde auf einem gemeinsam mit dem FilmFestival Cottbus organisierten Netzwerktreffen diskutiert, wie Filmfestivals den zivilgesellschaftlichen Dialog in Osteuropa stärken können. Unterstützt wird die Veranstaltungsreihe durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland.

Das Medium Film reflektiert auch in Osteuropa gesellschaftliche und historische Tabu-Themen und fördert so den zivilgesellschaftlichen Dialog. Mitunter geraten dabei Filmschaffende, aber auch Filmfestivals, die sich als Foren für den gesellschaftlichen Dialog verstehen, unter politischen Druck. Vertreter renommierter osteuropäischer Filmfestivals treffen sich nun zur Bestandsaufnahme: was können Filmfestivals zum zivilgesellschaftlichen Dialog beitragen? Welche Probleme gibt es dabei? Wie wirken sich ökonomische und politische Rahmenbedingungen auf die Programmierung aus?

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion kamen am 19.7. Virgiliu Margineau, Leiter des OWH-Studios, der in der moldawischen Hauptstadt Chisinau das „Cronograf“-Dokumentarfilmfestival organisiert, Anna Chkonia, Programmkoordinatorin des Tbilisi International Film Festival, Igor Soukmanov, Programmdirektor des „Listopad“-Filmfestivals in Minsk, Samaya Asgarova, Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen bei Azerbaijanfilm, sowie Julia Sinkyevich, Leiterin des Odessa International Film Festival, und Bernd Buder, Programmdirektor des FilmFestival Cottbus, zusammen.

Chkonia und Sinkyevich konnten berichten, dass die Zahl der in Georgien und der Ukraine produzierten Filme durch gezielte Förderaktivitäten im nächsten Jahr steigen wird. Neue Fördermechanismen zielen vor allem auf junge Filmschaffende ab, womit auch für eine Erweiterung der inhaltlichen Ansätze gesorgt sein dürfte, mit denen Filmemacher Gesellschaft, Geschichte und Politik in ihren Ländern reflektieren. Soukmanov konnte von einer Stärkung der unabhängigen Filmszene in Belarus berichten. Jenseits staatlicher Filmproduktionen kommen damit unabhängige Gesellschaftskommentare auf die Leinwand, mit denen die nationale Identität pointiert, kritisch und vielfältig reflektiert wird. Damit wird, so fasste Buder zusammen, nationale Identität zunehmend divers aufgefasst. Das FilmFestival Cottbus wird dem belarussischen Kino in seiner nächsten Ausgabe ein Special widmen. In Aserbaidschan entstanden in den letzten Jahren nur wenige Spielfilme, die allerdings auch hier vergleichsweise offen gesellschaftliche Sollbruchstellen thematisieren. So diskutiert der 2015 entstandene INNER CITY Vor- und Nachteile der rasanten Urbanisierung der Hauptstadt Baku, und POMEGRANATE GARDEN, der seine Weltpremiere vor kurzem auf dem Karlovy Vary International Film Festival hatte, wirft ein nachdenkliches Licht auf patriarchale Gesellschaftsstrukturen. Asgarova berichtete von einer 80prozentigen Kürzung des Filmbudgets, zeigte sich aber zuversichtlich, bereits 2018 Pläne für ein internationales Filmfestival in Baku umsetzen zu können. In der kleinen Filmindustrie in der Republik Moldau entstehen nur wenige Filme, ergänzte Margineau. Mit dem Programm seines Dokumentarfilmfestivals bemüht er sich nicht nur, unterschiedlichste Themen anzureißen, sondern auch, das Medium Film Kindern und Jugendlichen nahe zu bringen.

Trotz der insgesamt positiven Entwicklung ist, gerade vor dem Hintergrund rechtspopulistischer Tendenzen und kriegerischer Konflikte, auch von etlichen Fallstricken zu berichten. So wird das Ziel von Film und Filmfestivals, den Dialog zwischen Menschen und Kulturen zu befördern und damit den zivilgesellschaftlichen Diskurs zwischen unterschiedlichen Standpunkten, von Maßnahmen wie dem Verleih- und Sendeverbot für russische Filme in der Ukraine, undurchsichtige Zensurversuche in einzelnen Ländern und der beabsichtigten radikalen Erhöhung der Sonderpauschale für die Verleiherlaubnis für ausländische Filme in Russland eingeschränkt. Das Odessa Film Festival plädierte in diesem Zusammenhang erneut für die Freilassung des ukrainischen Regisseurs Oleg Sentsov, der vor einigen Jahren aus fadenscheinigen Gründen von einem russischen Gericht zu einer 20jährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Das Netzwerktreffen der Festivalmacher aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft wird auf dem 27. FilmFestival Cottbus fortgesetzt. Im Rahmen der Veranstaltung werden auch Filme aus den betreffenden Ländern aufgeführt, die zeigen, wie Film relevante gesellschaftliche Themen diskutiert. Die Veranstaltung wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland unterstützt.