SEKTION: Close Up HU

Ungarische Filmemacher reflektieren die Situation im eigenen Land. Ob alte Meister oder junge Talente, ob Dokumentar-, Spiel- oder Kurzfilm – das ungarische Kino präsentiert sich facettenreich. Eine Bestandsaufnahme: von Großproduktion bis Independent.


Der erstaunliche Aufschwung des Ungarischen Kinos

Als Hollywoodproduzent Andrew Vajna, der Filme wie RAMBO und TERMINATOR, aber auch MUSIC BOX und EVITA produzierte, 2011 von seinem Duzfreund Viktor Orbán zum obersten Filmförderer des Landes eingesetzt wurde, ahnten viele Böses. Im Januar dieses Jahres starb Vajna, und man kommt nicht umhin, eine positive Bilanz seiner achtjährigen Amtszeit zu ziehen. Ein Oscar für SON OF SAUL 2016, der Goldene Bär 2017 für Ildiko Enyedis KÖRPER UND SEELE und weitere Hauptpreise auf internationalen Festivals können sich sehen lassen. Denn das ungarische Kino traut sich wieder etwas, und das liegt auch an den Förderentscheidungen des MNF (Hungarian National Film Fund).

Direkt mit dem ersten Film, den der MNF unterstützte, DAS GROSSE HEFT, gewann Regisseur János Szász 2013 den Hauptpreis des A-Festivals in Karlovy Vary. Beim FFC sieht man nun sein neuestes, radikales Werk – das ebenso düstere wie bestechend schön gefilmte Mordlustdrama DER FLEISCHER, DIE HURE UND DER EINÄUGIGE. Nicht nur Jurys und Kritiker loben derzeit den qualitativen Aufschwung des ungarischen Kinos. Auch das Publikum wagt sich wieder in die eigenen Filme. Das Comeback THE WHISKEY BANDIT des ungarischstämmigen Hollywood-Regisseurs Antal Nimród, den das FFC in der Sektion Hits zeigt, lockte 332 196 Zuschauern in die Kinos. Der Film ist eine Parabel auf den „wilden Osten“ nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – ein Ort voller Korruption und ungeahnter Aufstiegsmöglichkeiten. Und auch in dem „Western“ KOJOTE werden Bestechung und Machtmissbrauch verhandelt.

Der ebenfalls renommierte ungarische Regisseur Benedek Fliegauf, dessen im Rahmen des „Cut it out“-Projekts des Goethe-Instituts entstandener Kurzfilm vor einem Film aus dem Wettbewerb Spielfilm gezeigt wird, hingegen merkt an, dass das ungarische Kino derzeit zwar viele Erfolge feiert, aber kaum die zunehmend rauer werdende politische Kultur im eigenen Land hinterfragt. Das ist dem unabhängigen Kino überlassen. Entsprechend politischer sind Kurz- und Dokumentarfilme wie DAS REFERENDUM, DIE DA oder DAS BÜRO. Letzterer läuft in der Specials-Reihe Fluchtbewegungen: Angst und Ankommen in Osteuropa, die man dieses Jahr in Cottbus entdecken kann. Hier werden gesellschaftliche Bruchstellen und Konflikte wie der Stadt-Land-Gegensatz, der Umgang mit Fremden oder die zunehmenden Belastungen durch lange Arbeitszeiten – an denen sich vor einem Jahr Massenproteste entzündeten – thematisiert.

Humorvoll dagegen widmet sich der neue Regiestar des jungen ungarischen Kinos, Gábor Reisz, mit FALSCHE POESIE dem Lebensgefühl und Unwohlsein einer Generation um die 30. Darum ging es bereits in seinem Spielfilmdebüt, mit dem Reisz 2014 beim FFC zu Gast war, und dessen Titel prägnant zusammenfasst, was das Neue Ungarische Kino auszeichnet: Es funktioniert einfach wieder – AUS UNERFINDLICHEN GRÜNDEN. JT

Close Up Hu wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.

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